Merkels "Dirty Landing"

Merkels Flieger bei der Landung
Merkels Flieger bei der Landung (Fraport)

Die Bundeskanzlerin schwebt mit ihrem Regierungsjet ein, um die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens einzuweihen - und rauscht dabei über die Köpfe der Demonstranten in Flörsheim hinweg. Die kündigen weiteren Widerstand an.

Um 14.30 Uhr hängt der Nebel noch tief über der Mainebene. So tief, dass die Demonstranten den Flieger mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gar nicht zu sehen bekommen. Und das, obwohl er in lediglich 275 Metern über ihre Köpfe hinwegrauscht. Nur das dumpfe Dröhnen der Luftwaffenmaschine ist zu hören - und ein paar "Pfui"-Rufe und Trillerpfiffe, mit denen die Menschen in Flörsheim das Premieren-Flugzeug begrüßen.

Mehr als 500 Demonstranten haben sich auf dem ehemaligen Hertie-Gelände versammelt, über das die Flieger künftig bei Ostwind im Minutentakt hinwegdonnern werden. "Dirty Landing" haben die Veranstalter deswegen ihre Protestaktion genannt, mit der sie der Fraport-Party auf der neuen Nordwest-Landebahn etwas entgegensetzen wollen. Während auf der anderen Mainseite die Korken knallen und die Flughafen-Verantwortlichen mit der Kanzlerin und Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) auf den Ausbau des Rhein-Main-Airports anstoßen, beschwören die Demonstranten in Flörsheim den Widerstand gegen den zusätzlichen Fluglärm.

Das Ganze wirkt ein bisschen wie das berühmte gallische Dorf. Und tatsächlich hat sich einer der Demonstranten ein Obelix-Kostüm übergeworfen. Ein anderer hat sich als Schwein verkleidet und hält ein Protestschild in die Höhe, auf dem sich "Merkel" auf "Ferkel" reimt.

Christel Bergmann hingegen trägt Schwarz. "Für uns ist der 21. 10. ein Unglücksdatum", sagt die gebürtige Flörsheimerin. Besonders sauer ist sie auf den ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) mit seinem Versprechen eines Nachtflugverbots. "Belogen und betrogen hat er uns", schimpft die 65-Jährige.

Wenn die Landebahn am 30. Oktober regulär ihren Betrieb aufnimmt erwartet sie "doppelt so viele Flugzeuge, die halb so hoch fliegen wie bisher". Doch davon will sie sich nicht unterkriegen lassen. Seit 13 Jahren ist sie Mitglied im Solidaritätsverein "Für Flörsheim". Und obwohl der sein Hauptziel, das Verhindern der neuen Landebahn, nicht erreichen konnte, sagt Christel Bergmann: "Ich resigniere nicht. Ich kämpfe weiter."

Das freut den Vorsitzenden des Vereins, Hans-Jakob Gall. Er betont: "Wir sind keine Flughafen-Gegner." Aber es könne nicht sein, dass wie bei den Banken "die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden". Die neue Landebahn sei unvereinbar mit der Gesundheit der Menschen. Deswegen plant der Verein, eine Gegenstudie zu der von Fraport und Landesregierung finanzierten Gesundheitsuntersuchung in Auftrag zu geben. Der passende Mann dazu war bei der Demonstration gestern auch schon vor Ort - der Epidemiologe Eberhard Greiser hatte eine ähnliche Studie für den Raum Köln/Bonn erstellt.

"Wir können auch jetzt schon Erfolge vorweisen", sagte Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) - und erwähnt das aktuelle Urteil zum Nachtflugverbot. Doch das reiche nicht. Er forderte eine gesetzliche Obergrenze für Flugbewegungen und Lärm und einen Regionalfonds, der für einen "gerechten Ausgleich" sorgen solle. Dazu müsse nun die ganze Region zusammenstehen.

Ein wenig davon war gestern schon zu spüren. So war Offenbachs Stadtrat Paul Gerhard Weiß nach Flörsheim gekommen - und auch aus Mainz waren Demonstranten angereist. Wer fehlte, waren hingegen die Bürgermeister aus dem Vordertaunus, die sich seit der Verlegung der Anflugrouten im Frühjahr zu Fluglärmkritikern gewandelt haben - zumindest verbal. "Die vermisse ich auch", sagte Jörg Schulz von der Bürgerinitiative aus Bad Soden. "Das ist schon sehr enttäuschend."

Frankfurter Rundschau 22. Oktober 2011