Mord in der Idylle


Eine 69 Jahre alte Frau wird tot in ihrem Haus gefunden. Die Polizei geht von Mord aus - der erste seit Menschengedenken in dem abgelegenen Ort im Wald.

Ein Mord? In Eppenhain? „Bisher habe ich noch nicht einmal meine Haustür abgeschlossen“, sagt Thomas Worel und schüttelt den Kopf. Er unterhält sich gerade mit einer Bekannten über das Tagesthema in dem 1150 Einwohner zählenden Örtchen – einem Stadtteil von Kelkheim, gelegen im Main-Taunus-Kreis. Neben ihnen plätschert der Dorfbrunnen.

„Hier kennt wirklich noch jeder jeden“, sagt Thomas Worel. Und ja, auch das Opfer habe er gekannt. Schließlich war er mehr als 20 Jahre Briefträger „Das war eine ganz, ganz freundliche Frau.“

69 Jahre alt ist Ingrid Z. geworden. Am Sonntagvormittag fanden Bekannte sie tot, gefesselt, geknebelt und mit blutverschmiertem Gesicht in ihrem eigenen Haus in der Hainkopfstraße.

Tod durch Ersticken – so lautet das Ergebnis der Obduktion, das gestern bekanntgegeben wurde. Und im gemeinsam von Polizei und Staatsanwaltschaft herausgegebenen Bericht heißt es: „Nach den bislang vorliegenden Ermittlungsergebnissen ist die Witwe ermordet worden.“

Doch noch sind viele Fragen offen. So weisen die Spuren am Tatort darauf hin, dass das allein stehende Opfer am Samstagabend noch Besuch und diesen bewirtet hatte. Wer das war, konnte die Polizei bislang nicht ermitteln. Auch das Motiv für die Tat liegt noch im Dunkeln.

Deshalb suchten Männer in weißen Overalls gestern im Garten der Toten weiter nach Indizien. Und zwei Kripo-Beamte liefen von Haus zu Haus und befragten die Nachbarn der Frau. Sie hatte nach dem ihres Mannes seit mehreren Jahren allein in dem großzügigen Gebäude in der Hainkopfstraße gelebt.

Die Straße verkörpert so etwas wie die Idylle in der Idylle. Hier lebt, wer die Ruhe sucht und es sich leisten kann. Große Grundstücke und Häuser – die wenigsten höher als ein Stockwerk, davor ein perfekt getrimmter Vorgarten und PS-starke Fahrzeuge.

Die brauchen viele Bewohner auch, denn in dem 400 Meter hoch gelegenen Ort kann sich im Winter der Schnee ganz schön auftürmen, und Geschäfte gibt es hier schon lange keine mehr – nicht einmal einen Bäcker oder Metzger. Aber auch gewaltsame Todesfälle waren bislang unbekannt. „Nein, das hatten wir hier noch nicht“, entfährt es Othmar Nicolaus. Er kann mehr als 80 Jahre Eppenhainer Geschichte aus eigener Anschauung überblicken – und war bis vor kurzem in der Kelkheimer Lokalpolitik so etwas wie der inoffizielle Ortsvorsteher des Kelkheimer Stadtteils .

Ja, vom benachbarten Atzelbergturm sei schon der ein oder andere Lebensmüde heruntergesprungen , erinnert sich Nicolaus. Aber ein Totschlag oder gar Mord? Beim besten Willen: „Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.“ Und so ist es verständlich, dass mancher Eppenhainer seinen Ort seit Sonntag mit etwas anderen Augen sieht: „Gestern habe ich zum ersten Mal meine Haustür abgeschlossen“, sagt Thomas Worel.

Frankfurter Rundschau 15.8.2011