Der große Schnaps-Streit

Schnaps vom Rettershof
Corpi delicti: Schnaps vom Rettershof

Es kann der Frömmste nicht in Frieden Schnaps brennen, wenn es dem bösen Landrat nicht gefällt... Kelkheims Bürgermeister Thomas Horn ist stinksauer über einen Brief aus dem Kreishaus.

Fertigpackungsverordnung und Los-Kennzeichnungsverordnung – was auf die meisten Menschen wirken dürfte wie eine Einladung zum Büroschlaf, treibt bei Kelkheims Rathauschef Thomas Horn (CDU) den Blutdruck in die Höhe. Und der Hals schwillt mächtig an.

„Da wiehert der Amtsschimmel“, schimpft Horn auf das Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz im Hofheimer Landratsamt. Denn das hat ihm ein Schreiben ins Haus geschickt, in dem nicht nur von der Fertigpackungsverordnung und der Los-Kennzeichnungsverordnung die Rede ist, sondern auch von einem Ordnungswidrigkeitsverfahren und vom Paragrafen 136 Absatz 1 der Strafprozessordnung.

Corpus Delicti ist der auf dem städtischen Hofgut Rettershof gebrannte Schnaps. Genauer gesagt: das Etikett auf den Flaschen. Noch genauer: die auf dem Etikett aufgedruckten Angaben zu Menge und Alkoholgehalt. Zwei Millimeter sind diese hoch, vorgeschrieben sind allerdings vier.

Thomas Horn, als Geschäftsführer der Rettershof-Gesellschaft quasi auch Kelkheims oberster Schnapsbrenner, bekennt sich sogar schuldig: „Ich habe die Etiketten selbst mitentworfen.“ Doch Reue zeigt er nicht. Im Gegenteil: „Haben wir sonst keine Probleme?“, fragt er rhetorisch. Und fordert: „Wir dürfen das Recht nicht pervertieren.“ Gerade einmal 300 Flaschen Apfel- und Birnenbrand füllt die ehrenamtlich betriebene Brennerei pro Jahr ab. Die meisten davon würden auch noch verschenkt. „Wir verdienen da nichts dran“, betont der Bürgermeister.

Außerdem verweist er auf mehrere Auszeichnungen für den Kelkheimer Hochprozentigen, etwa eine DLG-Prämierung in Silber. „Die Urkunde hängt in der Gutsverwaltung.“

Daran haben die Verbraucherschützer im Landratsamt auch nichts auszusetzen. „Hinsichtlich ihrer sensorischen und stofflichen Beschaffenheit gab es keinen Anlass zur Beanstandung“, schreiben sie ausdrücklich. Moniert werden einzig und allein die Etiketten.

Da mag das Amt formaljuristisch richtig liegen, gesteht der studierte Jurist Horn ein. „Doch dieses Schreiben schießt weit übers Ziel hinaus.“ Er hat es inzwischen in seinen Ordner „Kurioses und Heiteres Band 2“ abgeheftet. „Und ansonsten ignorieren wir den Bescheid“, kündigt er an. Die schon gedruckten Etiketten will die Rettershof-Gesellschaft weiterverwenden.

Allzu großes Ungemach hat er dafür wohl nicht zu befürchten. „Wir waren gesetzlich dazu verpflichtet, den Verstoß anzumahnen“, teilt Kreis-Sprecher Johannes Latsch mit. „Aber wir werden es bei der Ermahnung belassen.“

Ach ja: Kaufen kann man den Schnaps am Empfang im Kelkheimer Rathaus – den Apfelbrand für zehn und den Birnenschnaps für zwölf Euro. Prost!

Frankfurter Rundschau 24.8.2011