Der Bellheim von Oberursel

Bogomir Gradisnik (Renate Hoyer)

Mit 82 Jahren wagt Bogomir Gradisnik einen wirtschaftlichen Neustart. Der Mitbegründer von Aero Lloyd plant, den insolventen Ferienfliger wieder flott zu machen. Sein Motiv: "Ich will mein Baby retten."

Wenn Bogomir Gradisnik an seinem Schreibtisch sitzt, hat er den Absturz stets vor Augen. Auf dem großformatigen Bild an der Wand gegenüber schwebt Ikarus - der Jüngling, der in der griechischen Mythologie den Traum vom Fliegen ebenso verkörpert wie dessen Gefahren. Gemalt hat es Angelina Gradisnik, die Ehefrau des alten und neuen Eigentümers von Aero Lloyd.

Der Oberurseler Ferienflieger, der im vergangenen Herbst Insolvenz anmelden musste, nachdem die Bayerische Landesbank den Geldhahn zugedreht hatte, will in diesem Februar unter dem neuen Namen Aero Flight neu durchstarten. Wann genau, ist noch unklar. Die Lizenz des Luftfahrt-Bundesamtes steht noch aus. Aero Flight heißt das Unternehmen aus rechtlichen Gründen - um Schadensersatzansprüche von Gläubigern auszuschließen. Denn die Flügel verbrennen möchte sich der 82 Jahre alte Bogomir Gradisnik nicht, wenn er demnächst mit sechs Flugzeugen aus der Insolvenzmasse den Neuanfang wagt.

Dass er in seinem Alter noch einmal in das hart umkämpfte Flugbusiness einsteigt, erklärt der gebürtige Slowene mit einer Mischung aus Sentimentalität und Geschäftssinn. Aero Lloyd sei " sein Baby" . Kurz nach der Gründung 1980 war Gradisnik in das Unternehmen eingestiegen und hatte es gemeinsam mit seinen Partnern zur fünftgrößten deutschen Chartergesellschaft gemacht. Nun könne er es nach der seiner Meinung nach von der Bayerischen Landesbank verschuldeten Pleite nicht " einfach liegen lassen" . Gradisnik ist davon überzeugt, dass er mit seinem neuen Geschäftskonzept das nötige Geld einfliegen kann. Dieses sieht vor, mit drei Maschinen türkische Gastarbeiter in ihre Heimat zu transportieren und mit den anderen Fliegern deutsche Ferienbungalowbesitzer nach Malaga und Alicante. Außerdem stünden Verhandlungen mit Kasachstan kurz vor dem Abschluss - dabei geht es um Flüge für Spätaussiedler zu ihren dort lebenden Verwandten.

" Wir sind schon wieder richtig im Geschäft" , sagt Bogomir Gradisnik. Ja, auf Grund der Anfragen könnte er inzwischen sogar schon ein siebtes und achtes Flugzeug füllen. Doch zu viel Risiko ist Gradisniks Sache nicht: " Wir wollen langsam anfangen." Wenn es gut anlaufe, will er die Flotte vielleicht im nächsten Jahr um eine oder zwei Maschinen aufstocken. 20 bis 30 Millionen Euro kostet der Neustart von Aero Flight. Zehn Millionen davon schießt Insolvenzverwalter Gerhard Walter aus der Insolvenzmasse zu, den Rest investieren Bogomir Gradisnik und sein Partner Michael Aksmanovic aus ihrem Privatvermögen.

Aksmanovic war ebenfalls lange Jahre Miteigentümer von Aero Lloyd und hatte sich gemeinsam mit Gradisnik 1999 von der Bayerischen Landesbank ausbezahlen lassen, weil sie den von der Bank verlangten Kurs nicht akzeptierten. " Eine Bank kann nur mit Geld umgehen. Vom Fluggeschäft versteht sie nichts" , so lautet Gradisniks vernichtendes Urteil über die folgenden Jahre. Die Bayerische Landesbank habe auf große Airbus-Maschinen gesetzt, der Trend sei jedoch in eine andere Richtung gegangen. Und so seien die 21 Maschinen von Aero Lloyd am Ende nicht mehr rentabel zu betreiben gewesen, sagt der neue Eigentümer.

Die Entwicklung konnte Gradisnik hautnah mitverfolgen, kam er doch weiterhin jeden Tag in sein Büro in das Aero-Lloyd-Verwaltungsgebäude, das ihm gehört. Denn dort befindet sich auch der Reisevermittler Air Charter Market, den Gradisnik 1963 als " Ein-Mann-GmbH" gegründet hat und dessen Geschäfte er immer noch führt. An Ruhestand habe er trotz seiner inzwischen 82 Lenze nie gedacht. " Mein Vater hat immer gesagt: Arbeite, so lange du gesund bist. Und du bist so lange gesund, wie du noch arbeiten kannst." Außerdem sei ihm zu Hause ohnehin langweilig. " Ich wüsste gar nicht, was ich da den ganzen Tag machen soll."

Frankfurter Rundschau 4.2.2004